Der Bildungskanon

Alle singen mit – beim großen deutschen Bildungskanon

Wie kann man denn nicht wissen, wer die ersten drei deutschen Bundespräsidenten waren? Ganz einfach – wenn genau der kognitive Platz für das chemische Periodensystem gebraucht wird. Wer kann schon sagen, was wichtiger ist…

Der Bildungskanon definiert den Kern einer Kultur, bzw. stellt das dar, was die Kulturträger dafür halten. Gemäß dem etymologischen Ursprung des Wortes „Kanon“ im hebräischen mit der Bedeutung „Waagebalken“ oder „Maßstab“, stellt der Bildungskanon das Wissen und die kulturellen Artefakte dar, die für eine Kultur charakteristisch und deren Kenntnis als notwendig und sozial erwünscht angesehen wird. Er bildet den Maßstab der Dinge, die man eigentlich wissen und kennen sollte.

Geschichtliche Einblicke in die Tradition der Kanones

Die Tradition der Kanones reicht bis ins Mittelalter zurück – und genauso lange ist ihr Inhalt auch schon umstritten. Der erste Kanon, der eine relativ Breite Anerkennung erfuhr, war der der „Sieben freien Künste“ („septem artes liberales“), der sich in zwei große Bereiche gliederte:

  • Trivium
    • Grammatik
    • Dialektik (bzw. Logik)
    • Rhetorik
  • Quadrivium
    • Arithmetik
    • Geometrie
    • Musik
    • Astronomie

In einer Abwandlung bzw. Anpassung ist das „Trivium“ noch heute im Bereich der modernen Sprachen anerkannt. Jetzt umfasst es folgende Unterkategorien:

  • die Beherrschung der Sprache,
  • die Fähigkeit zum widerspruchsfreien und schlüssigen Denken
  • sowie die Fähigkeit zu geordneter und wirkungsvoller Kommunikation.

Übrigens entstammt das Wort „trivial“ aus diesem Kontext und meint die absolute Sicherheit im Umgang mit den drei Bereichen des „Trivium“.

Der schulische Bildungskanon

Besondere Aufmerksamkeit findet in Deutschland der schulische Bildungskanon. Dieser umfasst die unterrichteten Schulfächer und deren Lehrpläne. Konkret beinhaltet der schulische Bildungskanon in den meisten Bundesländern die folgenden Fächer:

Die Bewertung der Qualität der Lehrpläne an deutschen Schulen hing lange Zeit von ihrem Umfang ab. Allerdings macht sich jetzt immer mehr die Meinung breit, dass allein die Quantität kein aussagekräftiges Kriterium mehr darstellt. Die Debatte darum, was im 21. Jahrhundert auf dem Lehrplan stehen sollte, ist zurzeit in vollem Gange. Dabei wird zum Beispiel darüber diskutiert, welche Bedeutung Fächer wie Philosophie oder Ökonomie in der Schule haben sollte. Erste Ergebnisse sind bereits zu verzeichnen: So gibt es einen breiten Konsens darüber, dass die drei Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen, die in der Grundschule unterrichtet werden, demnächst um die Kulturtechnik des Umgang mit dem Computer ergänzt werden soll.

Die Differenzierung eines Kanons für die weiterführenden Schulen stellt da ein größeres Problem dar. Nicht zuletzt, weil die Schulen den unterschiedlichen Anforderungen der vielen weiteren Ausbildungsmöglichkeiten, vom Studium über die Ausbildung bis hin zu dualen Angeboten, gerecht werden müssen. Ausgehend davon besteht die Grundaussage für den schulischen Bildungskanon darin, dass dieser einerseits zu lebenslangem Lernen motivieren soll und andererseits die nötigen Grundlagen und Instrumente vermitteln soll, die zur Wissensaneignung und zum Kompetenzerwerb von Nöten sind.

Der Bildungskanon der Populärkultur

Als Bildungskanon der Populärkultur könnte man sozusagen die „must knows“ einer Gesellschaft bezeichnen. Was gehört zur Allgemeinbildung? Welche Bücher sollte man gelesen haben? Welche Musik sollte man kennen? Welche Filme gesehen haben? Die Liste könnte endlos sein. Und immer wieder geben Verlage, die Presse oder auch Institutionen ihre eigenen Listen mit den Titeln oder Fakten heraus, die sie für wissenswert erachten. Dabei variieren diese Listen und Kanones so stark untereinander, dass sie eher für Verwirrung sorgen als eine wirkliche Orientierung bieten. Teilweise gehen die Listen dabei auf Verkaufszahlen, auf schulische Lehrpläne oder auch einfach nur auf die Meinung von Experten zurück.

Kanon der täglichen Meinungsagenda?

Eine andere Erhebungsmethode, die sich mehr an der allgemeinen Meinung in der Bevölkerung orientiert, stellt im Gegensatz dazu die Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse dar. Hier wurde in einer repräsentativen Befragung erhoben, für welche Themen sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen interessieren – die Erhebung eines Kanons anhand der öffentlichen Meinung sozusagen. Dabei wurde festgestellt, dass im Unterschied zum Jahre 1998 große Veränderungen in den Interessensbereichen der unter 30 jährigen eingetreten sind. So steht in dieser Altersklasse ein geringeres Interesse an Politik, Wirtschaft und Umweltschutz, einem gestiegenen Interesse an Kommunikationstechnologie und Konsum entgegen.

Der klassische Bildungskanon verliert anscheinend an Bedeutung, während Wissen, welches unmittelbare Auswirkungen auf den Alltag hat, immer wichtiger zu werden scheint. Ob diese Tendenz weiter bestehen bleibt und eher Frage von Generationen oder des Alters ist, wird sich in der Zukunft noch herausstellen müssen. Hier zeigt sich auf jeden Fall die gegenseitige Determiniertheit der beiden Konzepte Bildung und Kultur.

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